Dunkle Verführung

Hallo ihr Lieben,

Heute habe ich vor euch eine Kurzgeschichte vorzustellen, mit einem leider aktuellen Thema. Auf das ich aufmerksam machen will. Das Thema ist (Cyber-)mobbing. Auf das Thema gekommen bin ich durch den Selbstmord von Amanda Todd. Euch viel Spaß beim Lesen zu wünschen, wäre bei so einem ersten Thema irgendwie unangebracht. Ich freue mich über Kritik und natürlich auch Lob.



Dunkle Verführung

Sie öffnete Facebook auf ihrem Laptop. Das Wort „Looser“ prankte auf ihrer Seite. Melanie hatte es geschrieben. Fünfundzwanzig Leuten gefiehl es. Clara raufte sich die Haare. Sie wimmerte leise, sie versuche die Tränen zurück zu halten, sie weinte. Die heißen Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie konnte doch nichts dafür, dass sie sich nicht so modisch anziehen konnte wie Melanie. Und, dass sie nicht so hübsch war wie Melanie. Sie war auch nicht so dünn wie Melanie. Wieso hatte Claras Vater einen neuen Beruf in diesem Dorf finden müssen? Wieso war ihre Familie hier her gezogen?
Auf der alten Schule hatte Clara ein paar Freunde gehabt. Niemand hatte sie dick oder hässlich oder dumm geschimpft. Aber auch die Leute ihrer alten Schule hatten sich gegen sie gewandt. Alle fanden es schlecht, was Clara getan hatte. Aber sie hatte ihn nun mal geliebt. Vielleicht hätte sie es nicht tun sollen. Sie hätte ihm sagen sollen, dass es eine blöde Idee war. Die süße Idee, ihn zu lieben, hatte sie gepackt und nicht mehr losgelassen. Natürlich war Melanie wütend auf sie geworden. Er war schließlich mit Melanie zusammen gewesen. Clara bereute es so sehr.
Eigentlich wollte Clara, dass es niemand mitbekommt. Aber am nächsten Tag las sie: „Clara ist eine Schlampe.“ auf Facebook. Sie war darauf verlinkt. Jeder konnte es sehen. Am nächsten Tag hatten alle darüber geredet. Alle hatten gelacht. Clara versuchte so zu tun, als wäre es nicht wahr, was sie sagten. Aber sie konnte nicht gut lügen. Jetzt waren all die kleinen Makel an Clara plötzlich wichtig.
Einmal hatte sie morgens keine Zeit gehabt, sich zu schminken, Melanie hatte ein Bild von ihr gemacht. Sie hatte den dicken Pickel auf Claras Kinn mit einem roten Kreis markiert und das Bild auf Facebook gestellt. Clara hatte sich nicht getraut sie darauf anzusprechen. Sie hatte sich nie getraut Melanie zu sagen, sie solle aufhören. Sie traute sich auch nicht, mit ihrer Mutter zu reden oder mit einem Lehrer. Und sonst hatte sie niemanden zum reden. Früher hatte sie ihn. Aber er hatte ihr auch nur zugehört um zu bekommen, was er wollte. Und sie hatte es ihm gegeben. Und sie bereute es so sehr. Sie hätte nicht auf ihn reinfallen dürfen. Dann wäre jetzt alles nicht so, wie es war.
Eine weitere, heiße Träne rollte über Claras Gesicht. Sie hatte schon so oft geweint. Dabei hatte sie doch versucht sich zu ändern. Sie hatte sich die Haare schwarz gefärbt. Früher hatte sie aschblonde Haare gehabt, aber Melanie hatte sie immer „Arschblond“ genannt, weil sie Claras Haare so hässlich fand. Und wahrscheinlich hatte sie recht. Sie hatte schließlich auch recht gehabt, als sie auf Claras Seite in Facebook schrieb: Fette Kuh. Clara hatte sich im Spiegel betrachtet, sie war fett. Sie hatte zu dicke Oberschenkel und ihr Bauch hatte Speckröllchen, wenn sie sich hinsetzte. Clara mochte ihren Körper nicht mehr. Früher war sie vielleicht einmal schön gewesen, aber alle waren viel schöner als sie.
Clara hatte keine Lust mehr in die Schule zu gehen oder allgemein vor die Haustür. Sie hatte aber auch keine Lust mehr ins Internet zu schauen. Jedes mal, wenn sie sich einloggte, hatte sie eine Benachrichtigung über einen neuen Eintrag auf ihrer Seite. Jedes mal stammte der Eintrag von Melanie. Und jedes mal kam mindestens ein Schimpfwort darin vor. Sie hatte es satt.
Manchmal hatte sie gedacht, es wäre endlich vorbei. Manchmal schrieb Melanie ein paar Tage nichts. Das war meistens am Wochenende. Aber dann hatte Melanie wohl einfach besseres zu tun, sie war oft auf Partys. Clara nie. Aber Melanie machte immer weiter. Clara glaubte, es würde niemals ein Ende haben. Aber sie könnte ein Ende setzen. Sie könnte das alles beenden.
Sie griff nach einem Stift. „Ich habe keine Lust mehr aufs Leben. Ich bin weg.“, schrieb Clara auf einen Zettel. Sie hielt ihn in der Hand. Sie schaute zu den Schlaftabletten rüber. Es wäre so einfach jetzt die Tabletten zu nehmen. Dann müsste sie nie wieder Melanie sehen oder all die anderen aus ihrer Klasse. Aber was wäre mit ihrer Mutter? Sie würde sicher weinen. Sie würde Clara sicher vermissen. Aber sie wäre die einzige, die Clara vermissen würde.
Clara öffnete die Dose in der sich die Schlaftabletten befanden. Sie zog das Glas Wasser zu sich. Sie schüttete einige Tabletten auf ihre Hand. Sie stockte.

Eva Katharina

Ich bin Eva, 20 Jahre alt und seit 2012 auf diesem Blog aktiv. Aktuell studiere ich in Hamburg, komme aber ursprünglich aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Heidelberg. Ich interessiere mich für alles rund um die Fotografie, bin seit einem Jahr aktive Umweltschützerin und Reise liebend gern.

Kommentare:

  1. Toller Text, richtig einfühlsam geschrieben!
    Das Thema ist so ernst und dennoch verschließen viele die Augen davor... Da wird es mir immer ganz anders!

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  2. Hey, das ist ein richtig guter Text. Ich finde du hast sehr einfühlsam beschrieben und das ernste Thema sehr gut wieder gegeben. Man hatte richtig Mitleid mit Clara und ich finde es immer wieder schrecklich, dass manche Leute soetwas machen.
    Das einzige wo ich ein wenig gestockt habe, war als sie ihren Abschiedsbrief geschrieben hat. Das hörte sich so emotionslos an. Will sie ihrer Mutter nicht vielleihct noch sagen, dass es nicht deren Schuld ist oder warum sie sich umbringen will? Ich weiß nicht, kann ich ja nicht beurteilen, wie man einen solchne Brief schreibt, aber ich würde zumindest wollen, dass meine Mutter weiß, dass es nicht ihrer Schuld ist und so...
    Aber sonst echt toller, wenn auch trauriger Text.
    LG Jana

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    1. Naja ich habe den Abschiedsbrief so kurz gemacht, damit er eine stärkere Wirkung hat. Und emotionslos soll er irgendwo auch sein, sie ist verzweifelt, sie weiß nicht mehr was sie tun soll, ich glaube nicht, dass ich in ihrer Situation die richtigen Worte finden würde...

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  3. Das ist echt ein aktuelles Thema. Traurig aber wahr.

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  4. Mobbing kann imemr schlimm enden... den meisten isses leider nicht bewusst...

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  5. Sehr, sehr schön geschrieben!

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  6. Wow, sehr gut geschrieben (:
    Liebe Grüße Teresa - basiamille.blogspot.de

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